Kate Hamer

Das Mädchen,

das rückwärts ging

Interview mit Kate Hamer

Das Mädchen, das rückwärts ging ist auch eine Geschichte von Müttern und Töchtern. Als Beths Tochter verschwindet, sucht Beth die Aussöhnung mit ihrer eigenen Mutter, von der sie sich entfremdet hat. Wie kommt es, dass Sie sich so für das Mutter-Tochter-Verhältnis interessieren?

Mir ist das Thema Mütter und Töchter schon immer als ein besonders reichhaltiger Stoff erschienen. Ich bin selbst beides, Mutter und Tochter, und mir war es wichtig, aufrichtig über dieses Verhältnis zu schreiben, und nicht in einer Zuckerguss-Version. Es kommen hier ungeheuer viele Gefühle zusammen: Nähe, Liebe, Missbilligung, Angst, man geht sich auf die Nerven, und manchmal ist das Muttersein auch zum Schreien komisch. Meine eigene Tochter hat mal gesagt – da war sie vielleicht zwölf –, ich sei ihr »zu feministisch«. Im Grunde wollen wir, dass unsere Mutter eine Heilige ist, und stellen enttäuscht und wütend fest, dass sie diese Erwartung nicht erfüllt.

In meinem Roman beschwert sich Carmel über ihre Mutter Beth und verspürt schon in jungen Jahren den Wunsch nach mehr Eigenständigkeit. Soweit ich sehe, gibt es im Mutter-Tochter-Verhältnis aber einen verlässlichen Bumerang-Effekt: Was auch passiert, am Ende kehrt man immer zur Mutter zurück. Neulich las ich etwas auf Twitter, das mich wirklich angerührt hat. Am Muttertag schrieb jemand sinngemäß: »Wenn dir die ständigen Anrufe deiner Mutter zu viel werden, denk dran, dass du eines Tages da sitzen und dir wünschen wirst, dass das verdammte Telefon endlich klingeln und sie dran sein möge.«

Beth ist selbst nicht mehr jung und hat schon allerlei Traumatisches erlebt. Letztlich hilft ihre Mutter ihr darüber hinweg und die beiden legen ihren alten Konflikt endlich bei. In den Familien spinnen sich die Fäden von Generation zu Generation weiter: Großmütter, Mütter, Töchter – man streitet, lacht, sorgt sich umeinander, und die Älteren mahnen die Jüngeren, »immer schön vorsichtig zu sein«. Aber das sind wir natürlich nie!

Gibt es Mutter-Tochter-Romane, die Sie besonders gern mögen?

Erstaunlicherweise stehen Mütter in Romanen oft ziemlich am Rand. In Das Mädchen, das rückwärts ging wollte ich den Stimmen der Mutter und der Tochter so viel Raum wie möglich geben, und beide sollten auch gleichermaßen zu Wort kommen.

Zuletzt haben mich vor allem zwei Romane beschäftigt, die von Müttern und Söhnen handeln: Donna Tartts Der Distelfink und Wir müssen über Kevin reden von Lionel Shriver, ein Roman über einen High-School-Attentäter – wie Sie sehen, mag ich auch unsympathische Frauenfiguren. Alice Sebolds In meinem Himmel gefällt mir, weil es das Eltern-Sein so anrührend darstellt, und die sich ewig einmischende Mrs Bennet aus Stolz und Vorurteil ist sowieso eine meiner Lieblingsfiguren in der Literatur.

So richtig umgehauen hat mich in letzter Zeit der Roman The Light of Evening von Edna O’Brien. Ihre enge und doch schwierige Beziehung zur Mutter, und auch die Person der Mutter selbst, sind ungeheuer lebendig dargestellt: so zart und zugleich schmerzhaft intensiv, man merkt, dass die Autorin aus dem Innersten spricht. Ich bin in Tränen ausgebrochen, als ich das Buch zu Ende gelesen hatte.

Ihre Hauptfigur Beth fragt sich als alleinerziehende Mutter, was das Scheitern ihrer Ehe wohl für die Tochter bedeutet. War Ihnen dieser Aspekt besonders wichtig?

Mir ging es nicht darum, ein paradiesisch geschütztes Zuhause zu beschreiben, in das dann die Schlange eindringt, um es zu zerstören. Das enge Verhältnis zwischen Beth und Carmel ist längst in eine Schieflage geraten: Beth will die Tochter beschützen, während es Carmel nach mehr Eigenständigkeit drängt. Beth vermisst ihren Ex-Mann immer noch und versucht, ein neues Leben für sich und ihre Tochter aus dem Boden zu stampfen.

Aber die Schwierigkeiten, die sie haben, sind nur ein Kieselsteinchen, verglichen mit dem Felsbrocken, der Beth dann mit Carmels Verschwinden vor die Füße fällt. Sie macht sich Vorwürfe und fragt sich, ob sie immer auf die falschen Dinge geachtet hat. Ich wollte von der Wirklichkeit des modernen Familienlebens erzählen, nicht von Idealzuständen.

Die Entführung eines Kindes ist wohl der schlimmste Alptraum, den Eltern erleben können. Wie konnten Sie sich als Autorin und als Mutter in diese Lage hineinversetzen?

Jeder, der Kinder hat, trägt diese Angst sicherlich irgendwo im Hinterkopf mit sich herum – das gilt meines Erachtens überall und zu allen Zeiten. Als Elternteil habe ich mich letztlich an diesen Ängsten abgearbeitet und sie in einen erfundenen Zusammenhang gestellt. Das eigentliche Schreiben fiel mir mitunter aber doch schwer, weil ich dachte: Das kannst du deinen Figuren doch nicht antun!

Das Thema Kindesentführung ist alles andere als einfach, und ich wollte es nicht auf dem Rücken der Menschen austragen, die tatsächlich davon betroffen sind. Aber der Roman handelt nicht nur von Verlust, er handelt auch von Liebe. Das mag den Leser erstaunen – die Geschichte trägt einen in eine Richtung, die man vielleicht nicht erwartet. Ich wollte kein trübseliges Memoir schreiben, und ich wollte den Leser überraschen. Überraschungen mag ich beim Lesen nämlich selbst am liebsten.

Carmel beginnt ein neues Leben mit dem Mann, der sich als ihr Großvater ausgibt. Zum Trost denkt sie an ihren Namen und wiederholt ihn immer wieder. Wie kamen Sie auf die Namen Ihrer Romanfiguren?

Das erste Kapitel des Romans habe ich in einem Rutsch geschrieben. Die Bilder eines jungen Mädchens im roten Mantel hatte ich seit Ewigkeiten im Kopf, ich wusste nichts Genaues über sie, nur dass sie verloren gegangen war. Eines Nachts setzte ich mich im Bett auf und schrieb das erste Kapitel – das sich danach eigentlich kaum noch verändert hat. In dieser ersten Fassung hieß das Mädchen Carmel. Ich habe dann noch ganz andere Namen für sie ausprobiert, aber ich kam immer zu Carmel zurück.

Als ich mich näher damit beschäftigte, merkte ich, dass der Name passte. Es ist ein katholischer Name – Carmels Großeltern sind katholisch – und der Name einer heiligen Stätte in Israel. Der Name ist nicht sonderlich gebräuchlich, und ich finde auch, dass er eine interessante Form hat. Und ganz wie Sie sagen: So richtig beschäftigt sich Carmel erst mit ihrem Namen, als ihr altes Leben, ihre Identität ihr zu entgleiten drohen. Mit einem ausgefallenen Namen ist das in so einer Situation sicherlich einfacher. Überhaupt ist sie ja ein außergewöhnliches Mädchen – ein Name wie Kate hätte da nicht gepasst.

Früher haben Sie als Produzentin fürs Fernsehen gearbeitet. Können Sie beschreiben, wie sich die Produktion einer Fernsehsendung von der eines Buches unterscheidet? Ist Ihnen Ihre Erfahrung beim Fernsehen hilfreich, wenn es um das literarische Schreiben geht?

Den anfänglichen Schreibprozess empfand ich als etwas ganz anderes. Beim Romanschreiben vertieft man sich in die Fantasie und Vorstellung, für das Fernsehen geht man zunächst hinaus in die Welt und sucht nach einer Geschichte. Die weitere Bearbeitung aber gleicht sich doch erstaunlich: wie man eine Arbeit von außen ansieht und sie objektiv zu betrachten versucht. Und man arbeitet mit anderen Menschen zusammen.

Beim Fernsehen etwa kürzt man ein aufgezeichnetes Gespräch oder unterlegt eine Szene mit Musik, man poliert und schneidet, um etwas stärker hervorzuheben, das ähnelt der Lektoratsarbeit an einem Roman. Unterm Strich aber ist das Romanschreiben eine sehr viel persönlichere Arbeit, umso herausfordernder ist daher die Sache mit der Objektivität. Die Zusammenarbeit mit meiner Lektorin und meiner Agentin war dabei ausgesprochen hilfreich und kam mir die ganze Zeit über eher vor wie ein spannendes Gespräch.

Abschließend gefragt, wer sind denn Ihre Lieblingsautoren?

Die Romane von Maggie O’Farrell hauen mich immer wieder um, und genauso die von Hilary Mantel. Jane Eyre und Sturmhöhe von den Brontë-Schwestern begleiten mich seit meiner Jugend – ich weiß, da bin ich nicht die einzige. Graham Greene, Rose Tremain und Kate Atkinson sind so etwas wie alte Lieben. Lionel Shriver schätze ich, weil sie einem immer etwas Neues aufzeigt. Außerdem Ian McEwan. Und Donna Tartt. Die Tribute von Panem-Trilogie, die ich in ungefähr drei Tagen durchgelesen habe, das heißt ja, ein Buch pro Tag.

Und dann entdecke ich auch immer wieder ältere Bücher. So habe ich gerade zum ersten Mal John le Carrés Der Spion, der aus der Kälte kam gelesen und fand es großartig! Und schließlich dürfen Emma Donahue, Kathryn Stockett und Sue Monk Kidd hier nicht fehlen, weil sie so wunderbare Geschichten von Müttern und Kindern erzählen.

(Aus dem Englischen von Meike Herrmann)

zurück

Besuchen Sie uns auf Facebook

Aktuelle Veranstaltungen

Keine Nachrichten in dieser Ansicht.