Kate Hamer

Das Mädchen,

das rückwärts ging

Leseprobe

Eins

Ich träume oft von Carmel. In meinen Träumen geht sie immer rückwärts.
Am Tag ihrer Geburt war alles verschneit. Ein silbriges Licht fiel durchs Fenster, als ich sie im Arm hielt.
Als sie größer wurde, nannte ich sie »mein kleines Heckenkind«. Ich konnte mir nicht vorstellen, dass sie irgendwo anders leben würde als auf dem Land. Ihre dichten Locken standen ab wie umherfliegende Glassplitter oder wie Samen einer Pusteblume.
»Du siehst aus, als hätte dich jemand rückwärts durch eine Hecke gezogen«, sagte ich oft zu ihr.
Dann lächelte sie, schloss die Augen, und ihre bleichen blauädrigen Lider flatterten wie Schmetterlinge.
»Das kann ich mir vorstellen«, sagte sie schließlich und leckte sich die Lippen.
Wenn ich zum Fenster hinausschaue, sehe ich förmlich vor mir, wie sie die kleine Straße entlang zur Schule geht – in der Strumpfhose, in der ihre Beine aussehen wie rote Lakritzstangen. Ich sehne mich dann so sehr nach ihr, dass es mir fast den Atem verschlägt.
Heute Nacht träume ich wieder von ihr, das spüre ich. Ich spüre, wie sie in der Dämmerung auf den gewundenen Ästen der Buche sitzt und ruft. Aber nachts in meinen Träumen geht sie rückwärts auf das Haus zu - oder entfernt sie sich davon? Jedenfalls kommt sie nie näher.
Ihre Kleider waren oft ein einziges Chaos. Der Zwickel ihrer Winterstrumpfhose hing ihr zwischen den Knien, sie watschelte wie ein Pinguin. Der Kragen ihrer Schuluniform stand auf einer Seite hoch, auf der anderen steckte er im Pullover. Ganz anders dagegen ihr Verstand. Sie wusste, was die Menschen empfanden. Als Sally von ihrem Mann verlassen wurde, saß sie in meiner Küche und trank Tequila, während ich sie zu trösten versuchte. Salz, Zitrone und Schnaps wegen eines Mannes. Carmel ging vorbei, knickte ihre Finger zu kleinen Krallen, steckte sie in Sallys dichtes, braunes Haar und massierte ihr die Kopfhaut. Sally stöhnte und ließ den Kopf zurücksinken.
»Oh Gott, Carmel, wo hast du denn das gelernt?«
»Sei still, nirgends«, flüsterte sie und knetete weiter.
Das war kurz bevor sie im Nebel verschwand.

Weihnachten 1999. Die Kinder eilten durch die Schultore, die Wangen vor Kälte und Aufregung ganz rot. Verglichen mit Carmel sahen sie für mich wie Trolle aus. Ich fragte mich, ob andere Eltern wohl auch so dachten. Wir mussten über Feldwege nach Hause gehen, und es wurde schon dunkel.
Es war kalt, als wir losgingen, und Schnee säumte die Straße. Er schimmerte in der Dämmerung und markierte unseren Weg. Ich merkte, wie ich meine Hände in den Taschen zu Fäusten ballte: Weihnachten stand vor der Tür, und ich hatte kein Geld. Als ich sie wieder in die kalte Luft herauszog und entkrampfte, blieb Carmel hinter mir zurück, ich hörte sie grummeln.
»Beeil dich«, sagte ich, denn ich wollte möglichst schnell aus der Kälte nach Hause.
»Ist dir eigentlich klar, dass ich nicht immer bei dir sein werde?«, sagte sie im schwindenden Licht mit dünner, gepresster Stimme.
Vielleicht hätte mein Herz in dem Moment erstarren sollen. Vielleicht hätte ich mich umdrehen, sie zu mir holen und nach Hause bringen sollen. Sie in einer Festung oder einem Turm einschließen. Mit einem goldenen Schlüssel, den ich verschlucken würde, damit man mir den Bauch aufschneiden müsste, um sie zu finden. Aber natürlich dachte ich mir nichts dabei, nicht das Geringste.
»Vorläufig bist du noch bei mir.«
Ich drehte mich um. Sie war weit hinter mir. Ihr Kopf glich den büscheligen Hauben der Hecken, die sich auf beiden Seiten drängten.
»Carmel?«
Ein feiner eisiger Atemschwall wischte an meinem Mantelärmel vorbei.
»Ich bin hier.«

Manchmal frage ich mich, ob ich still da liegen muss, wenn ich tot bin. Ich verwandle mich in eine Eule und fliege bei Nacht über die Felder, segle über geduckte Hecken und dunkle Wege. Der aufsteigende Rauch aus den Kaminen wogt im Luftzug meiner Schwingen. Oder werde ich bei ihr sitzen, hoch oben in der Buche, und mit ihr spielen? Die Leute bespitzeln, die in unserem Haus leben, ihr Kommen und Gehen beobachten? Vielleicht rufen wir nach ihnen und erschrecken sie.
Wir sind alleinerziehende Mütter, bis auf den letzten Mann – wie eine aus der Gruppe mal im Scherz sagte. Wir haben uns zusammengeschart, solidarisch aufgrund dieser Gemeinsamkeit. Inzwischen denke ich, dass das für Carmel vielleicht nicht gut war, diese Bande von Frauen, deren Augen und Eheringe bitteres Feuer versprühten. Wie oft saßen wir abends um den Küchentisch, und es hieß Dann hat er, dann hat er, dann hat er. Alle waren wir irgendwie gekränkt, innerlich verwundet. Alle außer Alice, die hatte richtige Wunden. Wochen nachdem Carmel verschwunden war, kam Alice zu mir.
»Ich muss mit dir reden«, sagte sie. »Ich muss dir was erzählen.«
Ich dachte immer noch, alles könnte ein Hinweis sein, wo Carmel sich befand.
»Was ist denn? Was ist los?«, fragte ich und umklammerte den Kragen meines Bademantels. Was sie mir erzählte, war so enttäuschend, dass ich das Gesicht abwandte und die leere Eierschale ansah, die ich gestern am Geschirr-Abtropfständer hatte liegen lassen. Als sie mir dann auch noch weismachen wollte, meine Tochter hätte eine direkte Verbindung zu Gott und säße jetzt zu seiner Rechten – da hasste ich sie mit ihren falschen Hinweisen und ihrer Jesusfindung, ich hasste ihre Handgelenke mit den identischen geflochtenen Armbändern, an denen sie beim Reden herumfummelte. Ich konnte nicht länger still sein.
»Hör auf«, schrie ich. »Hau ab! Ich dachte, du willst mir was Wichtiges sagen. Verschwinde aus meinem Haus und lass mich in Ruhe, du blöde Kuh. Du verrückte blöde Kuh. Nimm deinen Gott mit und komm nie wieder.«

Vor dem Einschlafen stelle ich mir manchmal vor, dass ich in Carmels Schädel krieche und dort ihre Gedanken finde. Ich spähe durch ihre Augenhöhlen und sehe den Film ihres Lebens durch ihre Augen. Schau mal, da bin ich und ihr Vater, als wir noch zusammen sind. Carmel ist noch klein, darum wirken wir wie Riesen, die in den Himmel wachsen. Ich beuge mich vor, um sie hochzuheben und flüstere ihr Kinderreime ins Ohr.
Und da ist der Tag im Zirkus.
Bevor es losgeht, machen wir ein Picknick neben dem Zirkuszelt. Ich breite die Decke auf dem Gras aus und sehe nicht, wie Carmel sich umdreht und den Clown in der Zelttür entdeckt. Auf seinem Gesicht ist eine dicke Schicht weißer Schminke und ein großer roter Mund gemalt. Sie wundert sich, warum sein Kopf so hoch oben ist, denn seine Stelzen sind hinter der gestreiften Zeltklappe verborgen. Er schaut kurz in den Himmel, um nach dem Wetter zu sehen, dann verschwindet sein weißes Gesicht wieder im Inneren.
Was noch? Die Schule fängt an, ich trenne mich von Paul und werfe seine Sachen aus dem Schlafzimmerfenster. Wahrscheinlich sah sie seine Hemden und Hosen vor dem Küchenfenster heruntersegeln. Und noch mehr, wie viele Erinnerungen es doch in einem kurzen Leben gibt: Ein Ausflug ans Meer, Paddeln im Fluss, Weihnachten, ein Vollmond, Schnee.
Und immer lande ich bei ihrem achten Geburtstag und verharre dort. Ihrem achten Geburtstag, als wir in den Irrgarten gingen.

Zwei

Zu meinem achten Geburtstag wünsche ich mir, dass wir in einen Irrgarten gehen.
»Carmel. Was weißt du schon von Irrgärten?«, sagt Mum.
Wenn ich scharf nachdenke, sehe ich ein Puzzle mit vielen Teilen vor mir, die an Gehirnwindungen erinnern.
»Ich weiß so einiges«, sage ich. Mum lacht und sagt okay.
Weil wir kein Auto haben, nehmen wir den Bus, nur wir beide. Durch die beschlagenen Scheiben kann ich nicht sehen, wohin wir fahren. Mum trägt ihre Lieblingsohrringe, die aussehen wie Glassplitter, nur dass sie bunt glitzern, wenn sie sich bewegt.
Mein Geburtstag war letzten Donnerstag. Heute ist Samstag, und ich denke an meine Freundin, die von ihrer Oma eine Karte und Geschenke bekommt, aber meine Mum redet nicht mit ihren Eltern, obwohl sie noch leben. Die Karte und das Geschenk sind mir nicht so wichtig, ich würde nur gern wissen, wie meine Großeltern aussehen.
»Mum, hast du ein Foto von deinen Eltern?«
Ihr Kopf fährt herum, ihre Ohrringe glitzern rosa und gelb.
»Keine Ahnung. Vielleicht, wie kommst du drauf?«
»Manchmal würde ich gern wissen, wie sie aussehen und ob wir uns ähnlich sind.« Eigentlich öfter als manchmal.
»Du siehst aus wie dein Dad, Schätzchen.«
»Aber ich möchte es wissen.«
Sie lächelt. »Mal sehen, ob ich eins finde.«

Als wir aus dem Bus steigen, ist der Himmel weiß, und ich freue mich so auf den Irrgarten, dass ich vorausrenne. Wir sind in einem großen Park, der wabernde Nebel erinnert an Gespenster. Da ist ein großes graues Haus mit Hunderten von Fenstern, die uns alle anschauen. Ich merke, dass Mum Angst hat vor dem Haus, und knurre es deshalb an. Meiner Mum macht vieles Angst – Flüsse, Straßen, Autos, Flugzeuge, was passieren könnte und was nicht.
Aber dann lacht sie und sagt: »Ich bin ein dummer alter Angsthase.«
Inzwischen sind wir oben auf dem Hügel, unten liegt der Irrgarten – er erinnert wirklich an ein Gehirn. Irgendwie ist es lustig, dass ich ihn mir im Gehirn wie ein Gehirn vorstelle, und das möchte ich Mum erklären, aber es gelingt mir nicht besonders gut; ich weiß nicht, ob sie es versteht. Sie nickt und hört trotzdem zu, in ihrem langen blauen Mantel, der unten ganz nass ist vom Gras. Sie sagt: »Das ist sehr interessant, Carmel.« Auch wenn ich nicht weiß, ob sie es versteht, bemüht sie sich immer. Sie ignoriert mich nicht einfach, als wäre ich eine Maus oder ein Vogel.
Wir gehen hinein.

Ich merke sofort, dass ich den Irrgarten lieber mag als alles, was ich bisher kenne. Die grünen Wände sind so hoch, dass der Himmel schmal wie ein Scheibchen ist, ich komme mir vor wie in einem Puzzle und gleichzeitig wie im Wald. Mum sagt, die Bäume heißen Eiben, und buchstabiert es, weil ich lache und frage: Eiben? Ich laufe im Mittelgang voraus, das Gras ist ein plattgetretener brauner Streifen, Mum ist jetzt weit hinter mir. Aber das ist nicht schlimm, denn ich weiß, wie Irrgärten gemacht sind und dass wir uns früher oder später wieder finden, auch wenn ich sie verliere.
Ich biege um Ecken, und überall sieht es gleich aus. Aus den grünen Wänden leuchten rote Beeren und über mir fliegen Vögel. Aber sie fliegen nicht quer über den Himmel - über den hohen grünen Wänden blitzen sie nur kurz auf und sind dann verschwunden.
Ich höre jemanden auf der anderen Seite der Wand.
»Carmel, bist du das?«
Ich sage Nein, obwohl ich weiß, dass es meine Mum ist, auch wenn sie nicht ganz so klingt.
»Doch, du bist es, das weiß ich genau, ich kann deine rote Strumpfhose durch die Hecke sehen.«

Ich möchte noch bleiben und schleiche mich leise davon. Langsam wird es dunkel, inzwischen ähnelt der Irrgarten mehr einem Wald. Die Baumkronen strecken sich hoch und höher, als würden sie in der Dunkelheit wachsen. Ein paar weiße Blumen schimmern, und an einer Stelle hängt ein Seil von einem Ast. Vielleicht hat ein anderes Kind es zum Schaukeln benutzt. Es hängt mitten im Weg, und ich gehe ganz dicht ran, bis meine Nase beinahe das ausgefranste Ende berührt, das sich im leichten Wind schlängelt wie ein Wurm. Überall riecht es nach dunklem Grün, und in den dichten Buschwänden singen Vögel.
Ich lege mich unter einen Baum und ruhe mich auf der weichen braunen Erde aus, weil ich müde und schläfrig bin. Der Geruch der Erde unter mir steigt dunkel und grün auf. Irgendwas wischt über mein Gesicht, wahrscheinlich ein verdorrtes Blatt, denn es fühlt sich trocken und kratzig an.
Das Vogelgezwitscher ist jetzt mehr ein Geplapper, die Bäume rascheln im Wind. Meine Mutter ruft nach mir und klingt jetzt wie das Rascheln und die Vögel. Ich weiß, ich sollte ihr antworten, aber ich lasse es bleiben.

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